Es war eine einfache Aussage und Frage, welche Petra Schulte mir stellte. Sie lautete: „Mich interessiert, wie es Ihnen geht. Vielleicht findet sich aus Ihrem Erfahrungsbereich etwas Erdiges, Alltagsrelevantes, dass mich anknüpfen lässt.“

Hier meine Antwort.

1. Meine Ausreden waren gelogen

Als ich noch nicht im Wohnwagen lebte, hatte ich gute Ausreden für Dinge, die ich nicht tat: Ich hatte „keine Zeit“. Das „keine Zeit haben“ war vorgeschoben, es war mir einfach nicht wichtig genug oder ich wollte es nicht. Das merke ich daran, dass ich es heute trotzdem nicht tue. Ich erkunde langsam, was ich wirklich will, indem ich anschaue was ich tue. Heute verbringe ich die Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern, und mit Dingen, die mich vom Herzen wirklich interessieren (z. B. Qigong, Philosophie, Spiritualität, …) und mit anderen Menschen, um ihnen zu begegnen.

Ich erlebe dies ebenfalls in meinem Umfeld. Treffen finden erst in Monaten statt, weil die Leute „keine Zeit“ haben. Doch nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie Zeit, jeder hat 24 Stunden am Tag. Wirklich, jeder! Dennoch ist es das, was die meisten als großen Mangel empfinden.

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2. Ich war selten in der Gegenwart

Sondern in Gedanken sehr oft in der Zukunft. Oder um es eleganter auszudrücken: Ich war zielorientiert. Der Augenblick war mir nicht genug, es galt besser zu werden, schlauer zu werden, mehr zu können, mehr zu wissen. Immer mit zwei Füßen in der Zukunft. Latente Verachtung für die Gegenwart und latente Verachtung für meine eigene Unzulänglichkeit in dieser Gegenwart.

Mit etwas Distanz auf diese Welt zu schauen ist erstaunlich. Wir stehen in einem Wohnmobil in einem Neubaugebiet, viele junge Familien mit kleinen Kindern. Ich sehe keine Kinder auf der Straße. Vielleicht mal kurz am Samstag Nachmittag. Sonst, keine Kinder. Die sind in der KiTa, im Kindergarten, in der Schule, in der Nachhilfe, bei den Hausaufgaben, im Training, vor der Glotze, vor dem Computer, am Smartphone, im Bett. Aber nicht auf der Straße. Wir rauben den Kindern ihre realen, selbstwirksamen Erfahrungen im jetzt. Lernen nennen wir Dinge, die ohne Bezug zur Lebenswirklichkeit im Kurzzeitgedächtnis speichern und dann vergessen.

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3. Die Dinge haben mich besessen, nicht ich die Dinge

Ich habe früher viel Zeit in Besitz investiert. Zeit, um die richtigen Produkte auszuwählen (z. B. digitale Fotokamera); um diese Produkte möglichst günstig zu kaufen; um sie einzurichten, upzudaten; um sie zu nutzen (damit sich der ganze Aufwand lohnt); um darüber anderen zu berichten; um sie zu reparieren; um sie zu pflegen, reinigen; um sie richtig zu lagern (und im Umzug einzupacken, transportieren, auszupacken); um sie am Ende zu entsorgen (auf eBay verkaufen, zur Sammelstelle bringen, verpacken, versenden …). Ich war ein Um-Zu-Besitzer.

Alle tun es, deswegen scheint es „normal“ zu sein. Durch unseren Wohnwagen erfahre ich, wie wenig ich zum Leben brauche und welche Freiheiten dies gibt. Gleichzeitig erlebe ich, wie ich erst langsam von so vielem loslassen kann. Erst jetzt spüre ich, wie überladen ich selbst war, wie ich mich dem Besitzen, dem Haben-Wollen unterworfen habe.

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4. Ich lebte in einer Scheinwelt des Glaubens

Mir wird klar, dass ich durch die gefühlte Zeitknappheit nur noch im Glaubensmodus war. Ich übernahm Dinge, die ich hörte, sah oder las, weil es sinnvoll klang, vernünftig aussah oder leicht nachvollziehbar war. Es waren geliehene Erfahrungen, ich glaubte nur noch. Eigene Erfahrungen, Selbst-Erfahrungen waren selten. Die Folge war eine höhere Abhängigkeit von Dingen, weniger Vertrauen in mich selbst und die Suche auf die nächste Bestätigung, Anerkennung und Aufmerksamkeit im Außen. Durch das Leben im Wohnwagen spüre ich die Kraft der Erfahrung, etwas selbst erlebt und erfahren zu haben. Die Freude der eigenen Erfahrung, des inneren Wachstums, der inneren Stärke und des zunehmenden Vertrauens in mich selbst.

Ich sehe dies jetzt an vielen Stellen in unserer Kultur. Wir glauben so vieles, erfahren so weniges. Wir plappern nach, wir denken kaum noch. Wir nehmen uns keine Zeit für Erfahrungen, wir wollen Rezepte, wir wollen nicht unser Leben leben, sondern das von anderen nachleben.

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5. Ich hinterfragte kaum meine Routinen

Auf der einen Seite locken sie in mich in die Bequemlichkeit, es ist gemütlich, warm, bekannt, vorhersehbar. Ich verliere dann langsam aus den Augen, was mir wirklich wichtig ist. Andererseits ermöglicht sie in die Tiefe zu gehen, meine Energie vom Alltag abzuziehen und intensiver zu spüren. Es gibt weniger neue Reize von außen, die inneren Reize werden intensiver. Gerade für unsere Reise ist es eine Balance aus Verweilen und Entdecken. Gleichzeitig ein hin- und hergerissen sein, ein Abwägen, ein Sich-vor-tasten.

Auf meiner Reise erlebe ich Menschen, die in ihren Routinen verweilen. Verbal signalisieren sie eine große Aufbruchstimmung, eine unermessliche Freude an Veränderung, eine hohe Ablehnung mit dem Status quo. Verbal wollen sie ihre Routine verlassen, in der Realität belassen sie es bei Worten. Es folgen keine Taten. Und ich erlebe Menschen, die ihr Leben radikal geändert haben. Gegen Widerstände, trotz Angst, trotz Unsicherheit, trotz „guter“ Rat-Schläge, es nicht zu tun (sondern so zu bleiben, wie die anderen einen sehen), trotz des oft schweren Weges der Veränderung. Sie taten es, weil sie nicht anders konnten, weil sie ihrem Herzen folgten.

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6. Ich war ein Flachwurzler

In der Vergangenheit habe ich mich mit sehr vielen Themen und viel mit der Strukturierung, der Ordnung von Themen beschäftigt. Jetzt entdecke ich, wie beglückend es für mich ist, bei wenigen Themen in die Tiefe zu gehen. Ein Tiefwurzler zu werden. Der Weg dahin ist für mich nicht leicht. Auf der einen Seite liebe ich es zu mäandern, neue Dinge zu entdecken, Verbindungen herzustellen, Strukturen zu erkennen, Ordnung herzustellen. Auf der anderen Seite merke ich, wie gut es mir tut in die Themen richtig einzutauchen. Ich bin auf der Suche nach Balance zwischen flachen und tiefen Wurzeln.

Bei den Begegnungen mit Menschen faszinieren mich vor allem die Tiefwurzler, sie strahlen etwas besonderes aus. Eine Ruhe, eine Klarheit, eine Selbstverständlichkeit und Sicherheit.

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7. Ich lerne mehr von meinen Kindern, als umgekehrt

Unsere Kinder sind wundervoll. Nicht, weil sie immer das tun, was ich will, sondern weil sie beglücken, herausfordern, trotzen, schreien, erstaunen. Sie bringen mich mir selbst näher. Sie helfen mir, mich besser zu kennen, mich anders zu erfahren. Dies ist eine Quelle der Inspiration für mich, wenn auch nicht immer einfach. Sie bringen mich an meine Grenzen, darüber hinaus und sind voller Liebe.

Wie gut tut es, wenn ich neue Schulformen entdecke, in denen nicht die Kinder als Defizitobjekte definiert werden, die repariert werden müssen. Sondern Kinder als Subjekte auf Augenhöhe betrachtet werden, alle sind in Beziehung, alle lernen von allen. In der alte Lernformen und Lernmuster auf die Müllkippe des 20. Jahrhunderts landen und mit neuen Ansätzen eine gemeinsame Zukunft im Heute gestaltet wird.

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8. Ich lebte im totalen Wettbewerbsmodus

Mein unbewusster Glaubenssatz war: Du musst besser, schneller, erfolgreicher als andere sein, damit du in dieser Leistungsgesellschaft überlebst, damit ich überhaupt „jemand“ bin. Ich war ein Paradebeispiel dafür! Damals habe ich bewusst mein Sein anders bezeichnet und mir selbst etwas vorgemacht. Ich dachte an Leistung macht Spaß, lebenslanges Lernen, individuelles Wachstum, zeigen was ich kann … Dieser Glaubenssatz war so tief in mir vergraben, dass ich ihn erst langsam erfahre (gewusst habe ich es schon lange, doch es waren nur Gedanken, ich fühlte es nicht wirklich).

Erst heute erkenne ich die Unmenschlichkeit, die ich mir und anderen angetan habe. Dieser Glaubenssatz verhinderte oft Verbundenheit, Gemeinschaft und wirkliche Begegnung (nach der ich mich so sehnte). Dieser Glaubenssatz braucht zur Aufrechterhaltung viel Kraft und Energie, die mir für andere Dinge fehlte. Das Leben war anstrengend und voller Bedrohungen. Heute öffnet sich das Leben vor mir, ich spüre die Energie und die Leichtigkeit des Seins.

Mir wird manchmal schlecht, wenn ich auf Xing- oder LinkedIn-Beiträge lese, bei denen es ständig um Optimierung, Verbesserung, Lernen, Entwicklung, mehr Kunden, mehr Umsatz, bessere Prozesse geht. Nicht, dass dies alles schlecht wäre, doch es verkürzt den Menschen auf ein Produkt, nein, es reduziert den Menschen auf ein Defizitobjekt, einen Problemträger. Das pure Sein, dass so sein, wie „man“ heute ist, das gibt es nicht mehr. Jemand, der nicht lernt, bleibt stehen, ist der Verlierer von morgen – so unser Motto.

Wir halten den Menschen für ein großes Defizit, welches es im Laufe des Lebens zu minimieren gilt. Motto: Es gibt keinen Bereich, wo du nicht noch besser werden könntest. Das Wettbewerbsprinzip wird totalitär, weil man mit sich selbst konkurriert. Das schlechte Heute-Ich konkurriert mit dem möglichen Morgen-Ich. Verachtenswerter und unmenschlicher können wir uns selbst nicht definieren.

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Fazit

Früher hätte ich an dieser Stelle geglaubt (siehe Nr. 8), wieder ein Stück besser geworden zu sein. Heute weiß ich, dass ich weder besser noch schlechter bin, sondern ich bin. Jenseits von besser und schlechter, bin ich ein Leib, mit einem Ego und mit einem unbeschreiblichen, unsterblichen Seele.

Meine persönliche Herausforderung liegt darin, aus all diesen Worte in wirkliche Erfahrungen zu gehen. Und die alten Muster sind stark. Trotz aller Rückschläge, oder genau wegen diesen Rückschlägen. Sie gehören nicht nur zum Weg, sie sind der Weg. Mein Weg. Meine Spielwiese. Meine Musik.

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