Gleich zweimal fliehen wir vor dem Schnee. Trotz aller Flucht kommen wir erst in letzter Sekunde zur Beerdigung von Frédéric und bleiben danach doch länger als geplant. Das Leben ist für uns unvorhersehbar geworden.

Auf der Diepoldsburg

Vor der Beerdigung von Sonias Neffen Frédéric, die an einem Montag stattfinden sollte, beschlossen wir zum Freilerner Treffen auf die Diepoldsburg zu fahren. Wir fuhren einen Tag früher als geplant, da es auf der Hopfenburg stark zu schneien begonnen hatte und wir befürchteten, nicht mehr runter fahren zu können. So kamen wir bereits am Mittwoch Nachmittag am neuen Ziel an.

Die Diepolsburg entpuppte sich als ein großes Jugendzentrum, dass gerne für Schulausflüge und größere Veranstaltungen genutzt wurde. Wir parkten neben einem Spielplatz und begrüßten die nach und nach eintreffenden Freilerner.

Freilerner in der Praxis

Besonders spannend war für uns die Begegnung mit Werner, der mit seinem Sohn Wenzel gekommen war. Wenzel ist 14 Jahre alt und lebt offen als Freilerner in Bayern. Sein Vater Werner nahm sich die Zeit, um von ihrem Weg zu erzählen. Er und die Mutter von Wenzel hatten es tatsächlich geschafft, dass sie als Freilerner zumindest vorläufig in Ruhe gelassen wurden. Und zwar nachdem das letzte Gerichtsurteil befand, dass Wenzel weniger Schaden zugefügt werde, wenn er bei seinen Eltern sein Leben wie bisher weiterleben, als wenn man ihn aus seinem familiären Umfeld herausreißen und zwangsbeschulen, würde. Der Weg bis dorthin war jedoch von Gerichtsbesuchen, Bußgeldern und Androhungen geprägt. Unsere Schlussfolgerung daraus: Freilernen in Deutschland ist möglich. Der Weg über Anwälte und Gerichte jedoch nicht zu vermeiden. So stellt sich also die Frage: Sind wir bereit dazu?

Weiter freuten wir uns auch sehr die Bekanntschaft von Dorit zu machen, die Grundschullehrerin ist und netterweise anbot, uns bei Bedarf Materialien zum Lesen, Schreiben und Rechnen zur Verfügung zu stellen. Von Herzen Danke dafür, liebe Dorit!

Marie und Merlin – gewusst wie!

Freilerner sind Menschen

Außerdem erleichterte es Sonia sehr ein weiteres mal zu hören, dass es auch unter den Freilernern „menschelt“ und man nicht perfekt sein muss, um diesen Weg zu beschreiten. So unterhielten sich einige Mütter über das Thema: Wie gehen wir mit Stress um, wie gehen wir in solchen Momenten mit unseren Kindern um, was können wir anders machen, was hat sich bewährt?

Dem Schneechaos entgangen

Auch von der Diepoldsburg reisten wir schließlich einen Tag früher ab. Es hörte nicht auf zu schneien und die Wettermeldungen prognostizierten auch für die folgende Woche keine Änderungen. Der Schnee lag bereits 20-30 cm hoch. Da es uns wichtig war, zu Frédérics Beerdigung pünktlich und heil anzukommen, gingen wir kein Risiko ein und fuhren nach Öhringen zu Thomas Schwester Conni. Nachher erfuhren wir, dass es eine gute Entscheidung war. Es schneite dort weiter und wer weiß, ob wir dann noch runter gekommen wären.

Wieder bei Conni und Roland

Am Sonntag backte Conni im Holzbackofen mit Roland herrliches Brot, Brötchen, Brezeln – was für ein Frühstück! Es ist jedes Mal ein großes Geschenk für uns, dass wir in Öhringen so unkompliziert Halt machen können. Wir blieben dort sogar eine Nacht länger, nachdem unser Abwassertank völlig verstopft war und fürchterlich zu stinken angefangenen hatte. Thomas krempelte beide Ärmel hoch und gemeinsam wurde der Tank gereinigt. So konnten wir am Montag weiterfahren.

Jedesmal eine große Backfreude bei Conni und Roland!

Frédérics Beerdigung

Kurz vor 12 Uhr kamen im Hof Langenborn bei Aschaffenburg an. Dort wurden wir sehr herzlich von der Familie Kilgenstein in Empfang genommen! Nachdem wir in aller Eile abgekoppelten hatten, stellten wir uns kurz vor, bevor es dann zur Beerdigung von Frédéric ging. Wir waren spät dran.

Dort hatten sich bereits mehr als 150 Menschen zusammengefunden, die Frédéric die letzte Ehre erweisen und Patric und Annett in ihrem Schmerz stützen wollten. Daniela, eine Geigerin, spielte Walt Disney Lieder und Frédérics kleiner Holzsarg war umringt von einem bunten, liebevoll angerichteten Blumenmeer.

Ein großes Foto von ihm war aufgestellt worden. Es war sehr schmerzhaft zu wissen, dass diese funkelnden Augen nun für immer erloschen waren und sein kleiner lebloser Körper im Holzsarg lag. Viele Menschen hatten Tränen in den Augen und standen Schlange, um Patric und Annett ihr Beileid zu bekunden. Sogar Frédérics 93-jähriger Uropa war trotz Kälte gekommen und saß nicht weit von seinem Leichnam … seine dritte Beerdigung innerhalb der letzten zwei Jahren. Nachdem er seine beiden einzigen Kinder begraben hatte, trug er mit 93 Jahren nun auch seinen Urenkel zu Grabe!

Die Wolkendecke reist wie von Geisterhand auf

Eine der berührendsten Momente des Tages fand kurz danach statt: Annett, Frédérics Mutter, stimmte gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Antje ein zweistimmiges Lied an. Während die beiden sangen, riss plötzlich der bis dahin wolkenbehangene Himmel auf, und ein Sonnenstrahl hüllte die beiden Sängerinnen und ihre Familien in strahlendes Licht ein. Als sie fertig gesungen hatten, schlossen sich die Wolken wieder.

Dann wurde Frédérics irdische Hülle zum Familiengrab getragen, wo auch schon seine Großtante, Urgroßmutter und deren Eltern und Großeltern lagen. Anschließend begaben sich alle zu Fuß zur Kirche. Dabei kamen wir an Frédérics Schule vorbei, auf die er nun niemals wieder gehen würde.

Ein Gottesdienst im Stuhlkreis

In der kalten Kirche saßen alle Gäste in einem großen Stuhlkreis. Jeder, der etwas sagen wollte, hatte nun die Gelegenheit etwas zu sagen. Außerdem wurde gesungen und musiziert. Ein richtig berührender Gottesdienst, der vor allem Frédérics Eltern in diesen schweren Momenten Trost spendete.

Danach gingen alle Gäste in das gegenüberliegende Gemeindehaus, wo kleine Häppchen von einigen aus der Gemeinde bereitgestellt worden waren. Dort redeten wir dann bis zum Abend zusammen. Alles in allem hätte sich Frédéric, denken wir, sehr über diesen Abschied gefreut. Er stand schon immer gerne im Mittelpunkt, so dass er sicher glücklich gewesen wäre, so viele Menschen zu sehen, die nur für ihn angereist waren!

In den Herzen lebt er weiter

So wurde Frédéric von unserer Erde verabschiedet und doch lebt er in all den Herzen weiter, die er Zeit seines Lebens berührte. Er war ein besonderes Kind, ein einzigartiges Kind und hat seiner Familie viel gelehrt! Wir sind glücklich, dass er Teil unserer Familie war und immer sein wird!

Gemeinsam mit Patric schauen wir nach dem Kamin

Wir bleiben noch in Aschaffenburg

Auf dem Langenborner Hof in Aschaffenburg blieben wir drei Nächte. Thomas nutzte die Gelegenheit, um mit Klaus Kilgenstein über den Hof und das Leben zu sprechen. Es taten sich viel ähnliche Sichtweisen auf und Thomas freut sich bereits diesen Dialog fortzusetzen.

Pilgern aus ganzem Herzen

Am letzten Morgen gingen wir in der guten Stube frühstücken. Dort lernten wir dann auch eine Tochter des Hauses, Madeleine, kennen. Sie erzählte uns ihre Geschichte und beeindruckte uns sehr: Sie war kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes für ein Jahr gepilgert und das ganz ohne Geld. Sonia und Thomas erzählte sie ein paar Episoden von ihrer Reise, unglaublich spannend und so nah am wirklichen Leben. Sie erzählte auch von der schweren Entscheidung, ohne ihre erste Tochter zu reisen. Die sie bei ihrem Vater zurück lies.

Sie dokumentierte ihre Reise auf Facebook. Leider wurde sie, während eines Besuchs bei ihrer Schwester, beim Jugendamt wegen des reisenden Babys angezeigt. Dem ging es zwar gut, doch unsere Gesellschaft mag es nicht, dass die Mama mit einem Baby pilgert. Das Jugendamt drohte mit Kindesentzug, wenn sie die Pilgerreise fortsetzte.

Die Entscheidung

So unter Druck gesetzt, entschied sie sich, das zweite Kind ebenfalls dem Vater zu geben. Madeleine pilgerte weiter… schweren Herzens… ohne ihre zweite Tochter. Wir fragen uns, was gegen eine Pilgerreise mit Baby spricht?

Der Verlustschmerz wurde mit der Zeit immer größer. Nach einem Jahr konnte sie schließlich nicht mehr. Die Sehnsucht nach ihren beiden Kindern war zu groß und sie kehrte nach Hause zurück. Dort musste sie jedoch feststellen, dass die Kinder nicht mehr zu ihr zurück durften. Der Vater weigerte sich. So darf sie bis heute, die beiden nur an Wochenenden sehen.

Jahre danach

Mittlerweile hat sie zwei weitere Kinder von einem anderen Mann und ist angekommen. Sie lebt nun die kulturell-traditionelle Mutterrolle und denkt an die Pilgerreise als ihre intensivste Lebenszeit zurück. Ein Buch darüber ist schon in Planung … Sie folgte der Stimme ihres Herzens, aber zu welch großem Preis!

Mitten auf der Wiese auf dem Familienacker

Spontan bleiben wir länger

Nach dem Aufenthalt dort beschlossen wir uns auf einem Familienacker in der Nachbarschaft von Sonias Opa und Patric und Annett zu stellen. Netterweise bekamen wir Strom von den Nachbarn, Daniel und Tina. So hatten wir das Privileg vom beheizten Wohnwagen aus, unter anderem auf verschneite Wiesen und Rehe blicken zu können, die früh morgens vorbei schauten.

Durch unseren Aufenthalt in Schweinheim, erfahren wir, wie bereichernd und wertvoll es ist, in der Nähe von Menschen zu sein, die ähnlich ticken und die Kinder haben, mit denen sich wiederum auch unsere Kinder gut verstehen! So sind unsere Tage hier von Leichtigkeit, Lachen, tiefsinnigen Gesprächen und wahren Begegnungen geprägt. Ein großer Luxus, den wir gerne im Alltag als festen Bestand einbauen würden!

Sonias Zwischenfazit

Viel ist im Außen passiert: erschütterndes und erheiterndes, Höhen und Tiefen. Im Innern war ich in dieser Zeit jedoch vor allem mit einem Thema beschäftigt: wie können Tom und ich eine Partnerschaft leben, in der jeder von uns glücklich und erfüllt sein kann. In der jeder von uns seine Träume leben kann, sein kann, wie er ist und den anderen unterstützt. Ist das im Alltag mit drei kleinen Kindern überhaupt möglich?

Seit dem 21. Dezember letzten Jahres, sprich seit Frédérics Tod und Toms und meinem sechsten Hochzeitstag, lief alles drunter und drüber. Die Stimmung hier im Wohnwagen war an einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Scharfer Tonfall, Streitereien waren an der Tagesordnung. Ist es, weil der dritte Todesfall in so kurzer Zeit einfach zu viel für mich war? Ist es weil ich so wenig Zeit für mich habe? Ist es weil die Reise und das Wohnen auf so engem Raum so viel an inneren Konflikten hoch bringt? Oder gar alles auf einmal? Ich weiß es nicht.

Es war jedoch alles zu viel. Und der Alltag nicht mehr schön! Es spitzte sich zunehmend zu bis der Knoten zum Glück vor zwei Tagen zumindest etwas lockerer wurde. Tom war an seine Grenzen gelangt, ich an meine und wir wussten beide, dass wir nicht mehr so weiter machen wollten. Sollten wir aufgeben?

Nein, wir stellten ein weiteres mal fest, dass wir beide gemeinsam alt werden und unseren Lebensweg bis dahin, gemeinsam beschreiten wollen. Wir redeten, nahmen uns in den Arm … und bemühen uns nun Tag für Tag, den Alltag so zu gestalten, dass wir Freude aneinander haben. Wenn die Stimmung zu kippen drohte, gelang es uns die letzten zwei Tage zum Glück, vorher zu sagen, was nicht passte und zu reden. Puh, alles nicht einfach. Es kommt mir wie eine immense Herkulesarbeit im Innern vor. Nicht durch meine gefärbte Brille zu sehen, sondern immer wieder zu versuchen, einen ungetrübten neuen Blick auf Tom und unseren Alltag zu legen. Kein leichtes Unterfangen!

Ich habe auch wieder begonnen zu meditieren und Yoga zu machen. Und es hilft sehr! Es hilft Abstand zu den Geschehnissen zu kriegen, zu reflektieren und zu sehen, dass ich immer die Wahl habe, wie ich agiere. In der Theorie wusste ich es schon immer, aber in der Praxis waren meine Yogapraxis und die Meditation leider die ersten Dinge, die im geschäftigen Alltag unter den Tisch fielen. Auch das versuche ich zu ändern.

Mir hilft auch sehr, wenn ich mich auf das Video besinne, das eine Freundin uns vor kurzem zusandte: den Imago-Prozess. Alle Zweifel, Ängste gehören zum Prozess … es ist alles gut! Wer hat gesagt, dass das Leben hier auf Erden einfach ist? Es verblüfft mich immer wieder sehr, wenn ich jedoch darüber nachdenke, dass schlussendlich alles in meinen Händen liegt. Alleine durch meine Einstellung und Interpretation der äußeren Umstände, kann ich mir den Alltag entweder zur Hölle oder zum Paradies gestalten!

Thomas Zwischenfazit

Seit Frédérics Tod war die Stimmung hier im Wohnwagen anders, komprimierter, die Energie geballter. Irgendwie hat es uns alle mitgenommen, ohne das es von außen klar ersichtlich gewesen wäre. Das drückt sich in unserer Kommunikation aus, die weit davon entfernt ist, wie ich sie mir vorstelle.

Vielleicht ist es auch der Winter, der uns zusetzt. Durch die Kälte wird unser Aktionsraum sehr auf den Wohnwagen reduziert und wir haben noch keine ausreichenden Alternativen dazu entwickelt.

Darüber hinaus hadern wir mit dem Thema Freilernen, welches wir unseren Kindern gerne anbieten möchten (wenn diese wollen). Doch es zeigt sich, dass es in Deutschland nur mit einem Gang durch die Gerichte möglich wäre. Wollen wir das?

Otto Scharmer nennt die Phase Presencing, im Imago-Prozess gibt es dies ebenfalls. Die Phase, in der das Alte zwar noch da ist, das Neue sich jedoch noch nicht zeigt. Da stehen wir gerade. Und ich vertraue darauf, dass es sich ergeben wird.

Stellplätze dieser Etappe

Hof Langenborn


https://villa-hof-langenborn.de/
Langenborn, Schöllkrippen, Deutschland


Diepoldsburg

https://freizeitheim-diepoldsburg.de/
Freizeitheim Diepoldsburg, Diepoldsburg, Bissingen an der Teck, Deutschland

Karte der besuchten Orte und Menschen

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Drück Euch alle ganz dolle (wenn Ihr mögt)…
    Denke oft an Euch!

    1. Liebe Elke,

      JAAAA, alle drücken – ganz fest 🙂

  2. Schön wenn man seinen Traum lebt Das deutsche Schulsystem ist gar nicht so schlecht, so ein Rechtsstreit geht auch an den Kids nicht vorbei… @Thomas : Ich Kann mich erinnern das du gerne zu Schule gegangen bist
    Viel Spaß und allzeit gute Fahrt, freu mich schon auf den nächsten Bericht.

    1. Liebe Michaela,

      ja, ich bin gerne zur Schule gegangen. Heute wie damals gibt es gute Schulen und gute Lehrer. Doch das Schulsystem als Ganzes sehe ich kritisch. Werden unsere Kinder für ihre Zukunft vorbereitet?

      Dir einen guten Start in den neuen Tag!

      Thomas

  3. Hallo Ihr Lieben!
    Auch ich bin oft in Gedanken bei euch. Und ich vermisse euch. Hoffe, es ergibt sich bald mal wieder die Gelegenheit, uns von Angesicht zu Angesicht zu sehen, auszutauschen, gemeinsam lachen, spielen und überhaupt. Wenn ihr mal in der Heidelberger oder Freiburger Nähe seid (1h Fahrzeit wäre kein Problem) würden wir uns sehr freuen!!!
    Herzensgrüße von
    Christian

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