Unsere Reise sieht äußerlich nicht nach Abenteuer und Abwechslung aus. Doch innerlich durchstehen wir große Abenteuer und entdecken unbekannte Gegenden in uns selbst … Doch lies selbst.

Wandeln durch die Felder der Ahnen

Seit dem 11. Januar stehen wir hier in Schweinheim, auf unserem Familienacker. Schweinheim ist die Heimat von Sonias väterlicher Linie: hier erblickten ihre Ururgroßeltern, Urgroßeltern, Großeltern und ihr Vater das Licht der Welt. Wenn wir nun hier stehen, ist es ein seltsames Gefühl, wenn ich (Sonia) mir vorstelle, wie mein Vater hier durch die Felder lief, wie er half das Heu auf den Traktor zu laden, die Kühe zu melken, wie er hier zur Schule ging, wie er sich als junger Student, von seinen Eltern verabschiedete und dann schließlich mit seiner französischen Frau und seinen drei Kindern zurück kehrte.

Auch ich und meine zwei Brüder kennen die Gegend von klein auf … nur hat sie sich stark verändert. Wo früher Felder waren, schießen jährlich unzählige neue Häuser aus dem Boden. In unserer jetzigen Nachbarschaft, werden aktuell die Bäume gefällt und das Grundstück vorbereitet: im April soll angefangen werden zu bauen … Wie schnell doch so ein Menschenleben vorbei geht! Eben war mein Vater noch Kind hier, nun springen seine Enkel durch die Wiesen. Unglaublich!

Viele junge Familien sind hier zugezogen und sind bereit die Geschichte von Schweinheim neu zu schreiben. Ein ganzes Viertel ist entstanden. Vor unserem Wohnwagen wird bald eine Straße weiter gebaut, die Liebezeitstraße. Wir stehen inmitten dieser Ahnenerinnerung einerseits und dem Fortschritt andererseits und auch in uns entstehen neue Straßen und Wege …

Vorbereitungen für den Sommer

Schulen und Kurse …

Beispielsweise halten wir nun Ausschau nach Schulen. Seit wir hier sind möchte Marie unbedingt Schulen von innen sehen und sich somit selbst ein Bild machen, was da möglicherweise in naher Zukunft auf sie zu kommen könnte. Also machen wir uns kundig: welche Schulen erhalten unseren Kindern heutzutage ihren Hunger auf das Leben… ihre Neugier… ihre Liebe zu sich selbst… die Stille, Ruhe und den Raum, den jedes tiefe Lernen aus unserer Sicht braucht? In welcher Schule können unsere Kinder Erfahrungen machen ohne bewertet zu werden? In welcher Schule dürfen sie einfach Sein? Es ist gar nicht so einfach!

Denn auch wenn viele Schulkonzepte im ersten Moment toll klingen, sie stehen und fallen letztendlich doch mit dem Lernbegleiter und mit der Beziehung, die das Kind zu ihm aufbaut. Wo gibt es Lernbegleiter, die ihren Beruf mit voller Begeisterung machen und die unseren Kindern helfen ihre Zukunft zu gestalten? Wenn jemand von euch, eine solche Schule kennt oder zumindest eine die nah an dieses Bild reicht, dann sind wir für jeglichen Hinweis sehr dankbar! Das Schöne ist, dass uns der deutschsprachige Raum offen steht. Da wir uns bis jetzt noch nicht auf irgendeine Gegend festgelegt haben, sind wir für alles begeisterungsfähig …

LernZeitRäume in Heidelberg

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf, fuhren wir vergangenen Sonntag dann auch nach Heidelberg. Dort öffnete die Schule LernZeitRäume ihre Räume für eine interessierte Öffentlichkeit. Diese Schule ist eine Privatschule. So tauschten wir uns mit den Lernbegleitern dort aus. Von den Ansätzen, die die Pädagogen dort vertraten waren wir angetan. Dennoch war die Schule keine Herzensoffenbarung für uns, so dass wir uns weiter auf die Suche machen.

Wing Tai

Vor rund einer Woche durfte Marie außerdem zum ersten mal zu einer Wing Tai Gruppe stoßen. Wing Tai ist eine Kampfsportart und der Unterricht dort genießt einen ausgezeichneten Ruf in unserer Nachbarschaft. Marie schien auch recht angetan, als sie wieder zurückkam. Sie sei viel gelaufen und hätte die Augen zu gehabt, so ihr Fazit. Da die Eltern draußen bleiben sollten, ist das vorläufig, das einzige Bild, das wir uns von der Stunde machen können.

Kinderturnen

Des weiteren wird jeden Montag Morgen hier in Schweinheim Kinderturnen angeboten. Besonders schön für uns ist, dass alle drei Kinder dorthin gehen können, weil es keine Alterseinschränkungen gibt. Sonia freut sich nun zu Beginn jeder Woche gemeinsam mit ihrer Schwägerin Annett und deren einjähriger Tochter Sophie, sowie Marie, Merlin und Momo dorthin zu laufen und zu turnen. Es ist schön beobachten zu können mit welch unterschiedlichem Interesse die vier Kleinen durch die Halle flitzen und auf Entdeckungsreise gehen.

Wir schauen einen Waldorfkindergarten an

Und schließlich hatten wir das große Glück uns ganz spontan einen Waldorfkindergarten hier in Schweinheim anschauen zu dürfen. Eine Erzieherin erklärte sich netterweise bereit, uns durch die Räumlichkeiten zu führen, nachdem wir ihr von unserer Lebenssituation erzählt hatten. Marie und Merlin gefiel es dort sehr gut, so dass wir die beiden noch am selben Tag für kommenden September unverbindlich auf die Warteliste setzen ließen. Wer weiß, wo uns unser Weg bis dorthin hin verschlagen wird. In Schweinheim zu leben wird aber von Tag zu Tag zu einer konkreteren Möglichkeit. So haben wir auch beschlossen unseren Aufenthalt dort bis Ende April zu verlängern. Wir wollen unsere Umgebung näher kennenlernen und erkunden und erspüren, wie sich ein Leben hier anfühlen könnte.

Maries Schneemann

Rituale in der Familie

Eine weitere Straße formt sich außerdem in unserer Familie: Wir starten gerade den Versuch, den Alltag mehr in einen Rahmen und eine Struktur mit Ritualen zu packen. Patric und Annett haben uns das Ritual des Öltropfens gezeigt, dass wir nun jeden Abend vor dem Schlafengehen praktizieren.

Tröpflein, Tröpflein …

Wir setzen uns zu fünft um unseren Tisch, eine Kerze steht in der Mitte (als einziges Licht) und eine oder einer von uns beginnt. Er nimmt sich aus einer duftenden Ölflasche einen Tropfen. Während er diesen nun in seinen Händen verreibt, singen die anderen: „Tröpflein, Tröpflein du darfst wandern… von der einen Hand zur andern … oh wie schön, oh wie fein… riecht das kleine Tröpfelein!“ (die Melodie ist die vom Lied: „Taler, Taler du musst wandern …“) Dann darf die Person, die nächste Person aussuchen, die ihrerseits ein Tröpfchen verreibt, während die anderen singen. Und so geht es reih um. Die Kinder sind ganz begeistert!

Fröhlich sei das …

Ein weiteres Ritual ist es nun sich vor jedem Essen an die Hände zu nehmen und zu sagen: „Fröhlich sei das Mittagessen, guten Appetit!“ und dann in Stille -so weit es mit drei kleinen Kindern geht- (Thomas und ich versuchen zu schweigen – so gut es geht) zu essen. Außerdem wird Stille gehalten bis der Letzte fertig gegessen hat. Durch diese kleinen Rahmungen der einzelnen Aktivitäten haben wir das Gefühl, dass mehr Ruhe entsteht. Die Kinder wissen, was kommt. Etwas Ordnung im alltäglichen Chaos…

Darüber hinaus habe ich (Sonia) festgestellt, dass die Kinder irgendwie friedlicher durch den Tag zu gehen scheinen, wenn ich morgens nach dem Frühstück für ein zwei Stunden mit der Aufmerksamkeit nur bei ihnen bin. Malen, Basteln, Kneten, Vorlesen … sie sprühen nur so vor Begeisterung! Das ist wirklich schön!

Stille beim Essen

Dann beschäftigen wir uns noch mit einem weiteren Weg. Da stehen wir aber eher an einer Weggabelung. Wenn Kinder Regeln, die wir als Familie aufstellen nicht einhalten … Bestrafen, Konsequenz aufzeigen, Erklären, Empathie geben …. welche Gabelung geht man? Derzeit probieren wir gerade den Weg der klaren Konsequenz. Beispielsweise ist bei uns die Regel, während des Essens nicht zu spielen. Einen Warnhinweise gibt es, ansonsten ist der Teller weg und es wird erst beim nächsten Mal gegessen.

Aber das ohne großen Kommentar und Schimpfen. Wir haben nämlich festgestellt, dass meistens die ganze Litanei an Geschimpfe, die dahinter kommt: „Ich habe es dir doch gesagt! Must du immer spielen! Du hörst nie auf das, was ich sage! Es ist immer das selbe mit dir …!“ erstens vom eigentlichen Ablenkt und zweitens möglicherweise irgendwelche Glaubenssätze bei den Kindern hinterlassen, die sie mehr im Leben behindern, als was anderes …

So reisen wir nun innerlich und äußerlich vor uns hin. Nichts ist in Stein gemeißelt und doch versuchen wir Dinge für uns beizubehalten, die sich für uns bewährt haben. Wir versuchen offen zu bleiben, für die Dinge, die uns das Leben so zeigen möchte… und bleiben somit gespannt, welche Pfade wir noch entdecken und wandern werden!

Merlins Schneemann

Sonias Zwischenfazit

Die letzten Tage wurden, was mich betrifft, vor allem durch zwei Themen beherrscht: Partnerschaft auf der einen Seite, der kommende Bildungsweg unserer Kinder auf der anderen.

Zum Thema Partnerschaft ist es für mich spannend zu sehen, dass Tom und ich uns mit innerlichen Prozessen beschäftigen, die scheinbar auch in anderen Partnerschaften aktuell sind. Der Austausch mit Patric und Annett beispielsweise hilft mir dabei sehr. Die Gespräche, die wir in diesem Zusammenhang zu viert führen, sind sehr bereichernd für mich. Es mag seltsam erscheinen, aber irgendwie hilft es mir ungemein zu wissen, dass ich nicht die einzige auf der Welt bin, die sich mit ihrem Mann über Nichtigkeiten in die Haare kriegt… nicht die einzige, die manchmal an ihrem Lebensweg zweifelt… nicht die einzige, die manchmal vor Traurigkeit zu ertrinken droht (obwohl sie doch nach außen hin, alles zum Glücklichsein in den Händen hält). Dieses Teilen mit euch gibt mir so viel. Zu wissen, dass ich nicht alleine auf meinem Weg bin ist ein großes Geschenk für mich!

Zum Thema Bildung unserer Kinder muss ich ganz ehrlich gestehen, dass es mich auf der einen Seite momentan erleichtert, dass von Marie der Impuls kam, in die Schule zu gehen. Die Vorstellung im permanenten Streit mit dem Staat zu sein erschreckt mich doch sehr. Auf der anderen Seite halte ich das Freilernen für den natürlicheren Weg. Die freie Bildung einzig geleitet durch das individuelle Interesse jedes unserer Kinder ist für mich der stimmigere Weg. Es ist für mich eine große Freude täglich beobachten zu dürfen, mit welch unbändiger Neugier und Begeisterung die Kinder den Tag erleben.

Sie beschäftigen sich ausschließlich mit den Dingen, die ihnen Freude bereiten und stehen nach jedem Fallen mit einer großen Selbstverständlichkeit wieder auf. Sie lernen aus ihrem Herzen heraus und nicht weil ihnen jemand von außen etwas vorgibt. Dieses innere Wissen, über die Dinge die einem Freude bereiten ist für mich ein großes Geschenk. Wir kommen offensichtlich mit diesem Wissen auf die Welt. Nur verlernen wir es im Laufe unseres Schullebens meistens. Und das ist das, was mich sehr traurig macht. Denn ich kenne es von mir selbst: es gibt nichts, was glücklicher macht, als genau das im Leben zu tun, was einen aus tiefstem Herzen begeistert. Mehr wünsche ich mir für meine Kinder nicht! Und genau dieses Wissen gilt es nicht zu verlieren. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir eine Schule finden, die dieses Wissen fördert!…

So bin ich gespannt, wo unsere Schritte und vor allem die Herzen unserer Kinder uns führen werden!

Thomas Zwischenfazit

Ich sehne mich nach der Sonne, nach wärmeren Temperaturen und dem Frühling. Regen, Kälte, Wind und Dunkelheit kenne ich vom Wohnwagen jetzt zu genüge. Es fällt mir schwer konzentriert zu arbeiten, wenn am gleichen Tisch drei Kinder ihr Kindsein in vollen Zügen ausleben (was ich ja gut finde). Und es ist den Kindern eben schwer zu vermitteln, dass der Papa zwar da ist, aber arbeitet und seine Ruhe braucht – wenn er doch 50 cm neben einem sitzt … Zum Glück geht Sonia mit den Kindern immer mal wieder raus (Kinderturnen, Bibliothek, Natur, …) und ich nutze diese Zeit, um meine Gedanken zu sammeln und zu arbeiten.

Gemeinsam wachsen Sonia und ich, wachsen wir gerade. Auf der einen Seite jeder für sich, jeder folgt seinen inneren Stimmen, seinen Glaubenssätzen, seinen Zweifeln. Auf der anderen Seite wachsen wir gemeinsam, wachsen noch enger zusammen. Manchmal hilft uns ein Blick von außen, manchmal ein ruhiges Gespräch am Abend. Die Dinge werden klarer, wenn sie in die Kommunikation kommen. Es ist für mich eine unbeschreibliche und unbezahlbare Bereicherung, was Sonia und ich in dieser Zeit durchmachen, erleben und besprechen.

Ich kenne die Zukunft nicht, und ich weiß nicht, wohin unsere Reise Sonia und mich führen wird. Aber ich weiß, dass es wichtig ist, dass wir diesen Weg gehen. Wichtig, weil er so viele Anregungen enthält. Weil er das Licht auf Punkte wirft, die über die Jahre in Vergessenheit geraten sind. Auf Verhaltensweisen, die bisher unter dem Mantel der Komfortzone gehalten wurden. Auf eigene Muster, die längst veraltet sind und sich doch noch im eigenen Leben halten. Es ist in diesem Sinne eine Reise zu sich selbst. Schonungslos, ehrlich und manchmal schmerzhaft. Ich fühle mich sehr glücklich und bin sehr froh darüber, dass ich diese äußere und innere Reise mit Sonia erleben kann. Ich könnte mir keine bessere Begleitung vorstellen!

Dass Marie jetzt mal eine Schule kennenlernen möchte, finde ich gut. Ihre Cousine, Isabelle, geht zur Schule, so wie viele Kinder dies in Deutschland tun. Es wäre verwunderlich, wenn Marie diesen Impuls nicht selbst hätte. Ich bin gespannt, wie es ihr dort gefallen wird.

Aktuell frage ich mich am Morgen: Wofür würde ich heute begeistert aus dem Bett springen? Inspiriert durch dieses Video:

Stellplätze dieser Etappe

Es gibt keine besuchten Orte und Menschen für diesen Reisebegleiter-Brief!

Karte der besuchten Orte und Menschen

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Liebe Sonia, lieber Tom,

    wir kennen uns von einem WIR-Prozess beim Tempelhof. Ich lese nicht alle Eure Reiseberichte, aber wenn ich sie lese bin ich beeindruckt von Eurem Mut, wie Ihr Eure Erlebnisse hier verarbeitet und wie offen Ihr sie mit uns Lesenden teilt. Danke dafür! Ich wünsche Euch weiterhin alles Gute und bereichernde Erfahrungen
    Ingelore

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